Freitag, 27. Mai 2016

Timor Leste 2: Backpacking für Fortgeschrittene oder der Gemüsewagen-Incident

Das hatte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt: Um 5:00 Uhr früh stehen wir an einer Straßenkreuzung und putzen uns im dämmrigen Schein einer alten Straßenlaterne neben einem Verkehrsschild die Zähne. Es ist schweinekalt. Um uns warm zu halten kicken wir Straßenmüll in das Feuer der Einheimischen. Wer weiß wie lange wir hier noch warten müssen? Jede deutsche Bushaltestelle mutet uns grade wie ein fünf-Sterne-Hotel an. Wir würden jetzt viel für so ein zugiges Glasgebilde von deutscher Bushaltestelle geben...aber fangen wir von vorne an. Schuld an allem ist der Lonely Planet.
Zunächst versuchen wir es mit einem Ausflug auf die Insel Atauro, die vor Dili liegt. Traumhaft schön soll die sein, so der Lonely Planet. Die drei-stündige Fährfahrt bringen wir auf Deck schlafend mit einer Gruppe nerviger australischer Teenager zu. Auf Atauro angekommen stellen wir fest, dass ausnahmslos alle Unterkünfte ausgebucht sind aufgrund eines uns unbekannten katholischen Feiertages und großer angereister Gruppen (die Australier). Nach etwa 2 Stunden Unterkunftssuche steigen wir also schlechtgelaunt zurück auf die Fähre und es geht wieder zurück. Immerhin treffen wir dabei eine Gruppe witziger Austauschlehrer aus aller Welt, mit denen wir unser Leid teilen. Sie erzählen uns, wie es ist in Dili zu leben und zu unterrichten und wir beschließen den Abend bei einem Cocktail am Strand ausklingen zu lassen. Auf dem Weg zur Bar halten wir Ausschau nach einem Taxi und prompt hält auch neben uns eins an. Das ist allerdings abgesoffen und die ebenfalls ausländische Fotografin im Taxi erklärt uns, der Taxifahrer hätte gesagt "Da, deine Freunde dort, die können doch beim Anschieben helfen". Lachend schieben wir also zu fünft das Taxi an unter der Bedingung, dass wir danach ein Stück mitgenommen werden. Die am Straßenrand stehenden Timoresen sind sichtlich amüsiert, dass eine Horde junger Ausländer ein Taxi anschiebt und nach und nach ins fahrende Auto springt.  Drei Mal müssen wir das Auto anschieben, bis wir am Ziel sind.
Am nächsten Tag gilt es ein neues Ziel zu finden. "Get Lost in Old town Bacau" hieß es. Das hörte sich gut an. Wir sahen Havanna-ähnliche Bilder von halbverfallenen Kolonialbauten vor unserem inneren Auge vorbeiziehen. Aufregend. Auf nach Bacau. In einem klapprigen, überfüllten Bus fahren wir die 4 Stunden zu der Kleinstadt. Der Bus fährt so halsbrecherisch, dass sich sogar die Einheimischen aufregen, nachdem wir zwei Mal nur knapp einem Frontalunfall entgangen sind. Timo sitzt die meiste Zeit auf meiner Armlehne, einige junge Männer hängen lässig aus der offenen Bustür. Das heißt noch lange nicht, dass der Bus voll ist, es steigen immer mehr ein. Der Mann vor mir transportiert in einer Wolldecke einen alten Röhrenfernseher. Und das Mädchen auf dem Schoß der Dame neben mir schaut mich dich ganze Zeit an, als wär ich ein Alien, bis ich kurz davor bin meinen ausgestreckten Zeigefinger an ihren zu legen und zu sagen: "Ich bin E.T.". Aber sie würde den Witz wohl nicht verstehen. Die Busfahrt wird regelmäßig von Passkontrollen von düster drein schauenden, missmutigen Militärs unterbrochen. Unsere vielen Stempel werden oft besonders lange begutachtet. Es wird nach einigen bewaffneten Ex-Freiheitskämpfern gesucht, die sich angeblich 24 Jahre lang in den Bergen versteckt haben und jetzt was gegen die Regierung haben. Wie schön, dass wir das jetzt erst erfahren. Die Diskussionen darüber, ob der Kämpfer auf der Seite der Guten oder der Bösen steht, sind endlos. Dann sind wir in Bacau. 
Wer auch immer den Beitrag 
über Bacau im Lonely Planet geschrieben hat, war definitiv noch niemals in dieser Stadt oder wenigstens die ganze Zeit auf Drogen. Kolonialcharme ist nicht vorhanden, es fehlt schon am Kolonial. Es gibt exakt zwei Gebäude im Kolonialstil. Beide sind restauriert. Darüber hinaus gibt es noch ein paar portugiesisch anmutende, ausgetrocknete Springbrunnen mit abgeblätterter Farbe, in deren mittlere Tulpenblüte, aus der wohl früher das Wasser kam, die Timoresen Straßenlaternen gesetzt haben. Wären sie ein Kunstwerk würde die Installation wohl "Die Vergewaltigung der Tulpe" heißen. Ästethik geht jedenfalls anders. Auch das angeblich so tolle Schwimmbad ist leer und sieht auch nicht so kolonialistisch aus. Schnell fliehen wir zum nahegelegenen Strand von Osolata - zu Fuß die paar Kilometer, denn eine andere Option gibt es nicht. Der Marsch durch die Wildnis und kleine süße Dörfchen runter zum Strand ist sehr ruhig und wunderschön. In Osolata angekommen gibt es immerhin eine Art Bungalow, mit Abstand die schlechste Unterkunft die wir für 30 Dollar die Nacht jemals gesehen haben. Auf
Der Strand von Osolata
der anderen Seite ist der Strand der traumhafteste, den wir auf der ganzen Reise bisher gesehen haben - butterweicher, weißer Sand, palmengesäumt und kein Schwein da, außer einem Fischer bei der Arbeit und zwei kleinen Mädchen, die am Strand spazieren. Und Müll gibt es auch nicht. Ich zögere eine Weile an der Wasserkante traue mich aber nicht ins Wasser zu gehen, weil man ja nicht weiß, obs hier auch Salzwasserkrokodile gibt. Restaurants und Läden gibt es nicht und wir haben nix zu essen dabei. Glücklicherweise treffen wir auf ein australisches Pärchen, die uns zum Grillen einladen. Die beiden sind Zeugen Jehovas und leben seit sechs Jahren in Bacau. Die Australier bestätigen hier vor einer Woche ein "kleines" Krokodil gesehen zu haben. Auf Nachfrage wurde "klein" als etwa zweieinhalb Meter definiert. Ich hatte mir unter klein eher so 20 cm vorgestellt. Gut, dass ich nicht ins Wasser gegangen bin. Bei Burgern und Schokokuchen diskutieren wir über Religion, Moral, Werte, Ungerechtigkeit und die Australier teilen ihr Insiderwissen über die timoresische Kultur mit uns. So erfahren wir, dass die Timoresen glauben, dass die Krokodile ihre Vorfahren sind und sie nur fressen, wenn sie was Böses gemacht haben. Und dass das dazu führt, dass sich die Salzwasserungeheuer dank dem Nahrungsüberfluss ausbreiten wie Karnikel, da die Timoresen auch ins Wasser gehen, wenn das Krokodil dort schon zum Mittagessen angetreten ist. Denn wer reinen Herzens ist, der hat ja nichts zu befürchten. Da die Tiere auch eine Weile im Süßwasser leben können, schwimmen sie auch gerne die Flüße hoch ins Landinnere und tümmeln sich in den Gärten der Kleinstädte, fernab vom Meer. Und wird einer gefressen, dann sagt man, dass er ja was getan haben muss. Dazu sollte man wissen, dass Salzwasserkrokodile Menschen gezielt als Nahrung jagen. Nur sieht das halt nie nach Jagd aus, weil Krokodile faule Opportunisten sind und immer auf den richtigen Moment warten ihr Opfer zu schnappen und dann erstmal grausam zu ertränken. Also ich kann mir schönere Tode vorstellen, als von einem Krokodil ertränkt zu werden und beschließe daher, in Timor lieber nirgendwo ins Wasser zu gehen. Auch anderweitig sind die Timoresen abergläubig - eine Katze im Bus bringt Unglück. Gut zu wissen! Die Australier erzählen auch, dass die Timoresen glauben, dass sie den Krieg nur gewonnen haben, weil sie katholisch sind - und das obwohl selbst der Vatikan (!) lange nicht auf Seiten der Unabhängigkeit war. In Rom braucht man halt auch Geld, money runs the world. Mit der Armut halte es sich in Grenzen erzählen unsere australischen Freunde auch. Die Leute hätten zwar kein Geld, aber sie hätten Land und Tiere und Häuser und es geht ihnen daher nicht so schlecht. Die NGOs aber, die würden oft gar nicht soviel helfen, da die Leute sich so dran gewöhnt haben, dass schon irgendeine NGO kommt um das Problem zu lösen. Und so keiner mehr seine eigenen Probleme löst. Mit einem absurd teuren Bierchen im Bungalow lassen wir die Ereignisse der letzten Tage vorbei ziehen und schlafen unter Meeresrauschen und den Rufen des Geckos ein. Am nächsten Morgen füttern wir noch die völlig abgemagerten, zitternden Hunde unter den bösen Blicken der Besitzer mit den resten unseres Frühstücks. Dann geht es weiter.
Com ist laut Lonely Planet der einzige Backpacker-Hub, den es bisher in Timor Leste gibt. Wir sind nach den Erfahrungen mit Bacau zwar skeptisch, aber schließlich hat uns der LP schon so lange begleitet, ein Ausrutscher ist ja mal erlaubt. Die 8 Kilometer hoch nach Bacau sammelt uns gott sei dank ein Microlet (so heißen die Minibusse hier) auf, denn es beginnt bereits richtig heiß zu werden. Der Umstieg in den nächsten Minibus klappt reibungslos. Auf der Fahrt halten wir an einem Fischmarkt an und ein älterer Mann kauft fröhlich ein paar Fische, die wohl etwas zu lange in der Sonne gelegen haben. Spitze. Verständigung ist schwierig, Englisch spricht niemand, mein Portugiesisch ist mehr als rudimentär und Indonesisch will ich aus historischen Gründen nicht anwenden. So bleiben wir dabei alle freundlich anzulächeln, was nicht immer erwidert wird. Noch einmal müssen wir den Bus an einer Kreuzung in Lautem (mitten im Nichts) wechseln, diesmal klappt es nicht so reibungslos. Geschlagene drei Stunden stehen wir im Staub. Immerhin können wir uns hier unterhalten, es gibt eine Englisch-Schule in der Nähe. Viele Schüler warten mit uns. Ein junger Mann quittiert das lange Warten mit den treffenden Worten: "This is the condition of our country." (Das ist der Zustand unseres Landes.) Wir werden erst noch erfahren wie recht er hat. Wir wollten nach Timor Leste. Hier stehen wir nun. Irgendwann kommt ein LKW-Truck, beladen mit Kürbissen, Säcken von irgendetwas, ein paar Ersatzreifen und einer Wagenladung Kinder. Für einen Dollar kommen wir mit dem Truck nach Com. Also nichts wie rauf. Unter ohrenbetäubend lauter 90er Trashmusik fahren wir so die 20 Kilometer nach Com. Dort angekommen suchen wir eine Unterkunft. Wir finden ein komplett ausgestorbenes Dorf vor, ein leeres Hotel reiht sich an das andere, die wenigen Bewohner sind  nicht da oder sitzen vor ihren Häusern. Die Zimmer sind extrem überteuert - 50 Dollar die Nacht - verhandeln wollen die Besitzer nicht, trotz des Leerstandes. Wir nehmen die einzige Unterkunft mit Dusche, die nicht völlig überteuert ist. Es gibt hier keine Restaurants, man kann für 8 Dollar pro Person ein Abendessen bestellen, von dem man nicht weiß, was es sein wird. Auch sonst gibt es hier wirklich nichts außer Strand,  jeder Menge Kinder und einiger Frauen, die versuchen einem etwas zu verkaufen. Was wir prompt vor lauter Langeweile auch tun. Das Highlight hier sind die unzähligen Schweine und Schweinchen in allen Farben, die am Strand nach Essbarem wühlen. 
Wer ans Ende der Welt möchte um fern von allem anderen zu sein, der ist hier richtig. Nicht mal schwimmen kann man hier, dank der Salzwasserkrokodile. Nach einem kurzen Versuch lassen wir auch das am Strand rumliegen sein...das Risiko einzuschlafen und von einem Krokodil aufzuwachen, dass einem am kleinen Zeh rumknabbert, stört die Entspannung ungemein. Die Fischer kratzt das natürlich nicht, die stehen bis zur Hüfte im Wasser und werfen ihre Netze aus. Nach langer Diskussion mit fünf Dorfbewohnern haben wir es geschafft eine Sim-Card mit Internet zu erwerben. Sie hat zwar die falsche Größe - die MicroSim ist hier noch nicht angekommen - aber das ist nichts, was man nicht mit einer Nagelschere beheben könnte. Beim Abendessen reflektieren wir die Unterschiede zu Indonesien: Tatsächlich scheint hier jedes Kind in die Schule zu gehen, auch in diesem abgelegenen Dorf, wo die Kinder nachmittags stundenlang auf eine Fahrgelegenheit warten müssen, um nach Hause zu kommen. Die jüngeren sprechen daher alle ein paar Brocken Englisch. Überall stehen Schilder die ankündigen, dass der Staat die Straßen oder etwas anderes ausbauen will. Es gibt Warnschilder, die auf tollwütige Tiere
Com
hinweisen und in Com sehen wir sogar ein Schild, das erklärt, welche Tiere unter Naturschutz stehen (Schildkröten z.Bsp.) und die das Töten dieser Tiere unter Strafe stellen. Die Menschen sind nicht so fröhlich und freundlich wie die Indonesier. Die Alten schauen oft grimmig, vermutlich zu recht. Die Australier meinten dazu, viele seien neidisch, weil sie denken wir hätten alles. Einen Vorteil hat das hier, denken wir als wir ins Bett gehen, es ist abends wirklich totenstill. Um 4 Uhr nachts werden wir dann eines besseren belehrt. Ein Truck fährt durchs Dorf, komplett mit lauter Musik und jemand ruft immer wieder "Kota, Kota". Wir wissen nicht was "Kota" heißt, wundern uns, und drehen uns wieder um. Am Vormittag wollen wir das trostlose Dorf wieder verlassen, aber der Bus der um zehn Uhr kommen soll, kommt nicht, und wir spazieren etwas durch die Gegend. Später erfahren wir, es gibt doch keinen Bus (hatte er aber doch gestern gesagt??), nur der Gemüsewagen, der fährt nach Lautem, von wo wir den Bus Richtung Dili nehmen können. Der Gemüsewagen ist das einzige Transportmittel aus dem Dorf, wird uns erklärt. "Welcher Gemüsewagen?", fragen wir. Na DER Gemüsewagen, der fährt um vier Uhr früh. Ach so der, denken wir, das war das, was wir nachts gehört haben also. "Kota" heißt Stadt finden wir bei dieser Gelegenheit heraus. Seufzend fügen wir uns unserem Schicksal, packen und stellen den Wecker auf 3:55 Uhr.


Am nächsten Morgen wache ich um 3:30 Uhr in der Früh davon auf, dass Timo mich schüttelt und ruft "Theresa, wach auf! Der Gemüsewagen ist da!". Timo rennt raus, um den Truck aufzuhalten. Eine Viertelstunde später sitzen wir zwischen jeder Menge Gemüse und Menschen auf dem Lastwagen und stellen frustriert fest, dass der Gemüsewagen nochmal eine Runde durchs Dorf dreht. Der muskulöse junge Mann, der außen am Truck hängt ruft das uns bereits bekannte "Kota, Kota" und die Leute strömen aus ihren Wohnhäusern und laden entweder Lebensmittel auf den Truck und/oder steigen selbst ein. Es wird immer voller. Ich halte mich hartnäckig in
der Nähe des Ausgangs (eigentlich müsste man durchrutschen), da ich so weit wie möglich weg vom Lautsprecher sitzen will. Den Fehler neben dem Lautsprecher zu sitzen, hatte ich ja schon auf dem Hinweg gemacht. Eine alte runzlige Frau steigt ein und leuchtet mir ausgiebig mit ihrer ungewöhnlich starken Taschenlampe ins Gesicht. Als musikalische Untermalung dazu dröhnen aus den Boxen die Bravo Hits 95 - Coco Jambo und I'm Blue. Da ba dee da ba di. Über die Musik hinweg schreit Timo mir zu: "Was machen wir hier eigentlich??". Noch auf dem Truck beschließen wir, uns auf Bali ein paar Tage zu erholen. Immer mehr Menschen steigen zu. Jedesmal wenn jemand neues einsteigt leuchtet die Alte erst dem Neuankömmling ins Gesicht und dann mir. Dazu sagt sie "Malay", was wohl "Ausländer" heißt. Ich komme mir leicht diskriminiert vor, aber wenigstens fühle ich mich so während der unbequemen Fahrt unterhalten und kann sehen wer noch so alles einsteigt. Die Metallstange im Rücken, die als Lehne dient und die Knie bis an die Ohren gezogen, weil die Füße auf Kürbissen ruhen, kommen wir nach einer Stunde endlich in Lautem an. Dort stellen wir fest, dass die Schüler dachten wir seien ihre neuen Lehrer. Da muss man schon einigermaßen verrückt sein, um hier Englisch zu unterrichten. Aber es gibt anscheinend tatsächlich ausländische Lehrer hier. Ich frage mich im Stillen, wie man sich wohl fühlen muss, wenn man als Teenager jeden Morgen diese Fahrt macht. Was für Perspektiven einem das wohl aufzeigt. Ob es für sie trostlos ist? Die Eltern erwarten vermutlich Dankbarkeit von einem, da Frieden herrscht und es zu essen gibt. Sicher nicht einfach, so eine Jugend. "This is the condition of our country", sagte der junge Mann. Oh, ja.
Etwas später stehen wir wieder drei Stunden an dieser Kreuzung in Lautem in der Kälte und warten darauf das uns irgendwas oder irgendwer Richtung Dili mitnimmt. Als endlich ein Minibus kommt, lässt er uns stehen mit der Begründung der Bus sei voll, obwohl noch Platz ist. Wir sind der Verzweiflung nahe. Aber irgendwann kommt tatsächlich ein Bus der uns auch mitnimmt und nun haben wir "nur noch" 12 Stunden wackelige Busfahrt vor uns. Bis zur Pause wundern wir uns, warum zwei Sitzplätze im Bus frei bleiben, wo doch sonst kein Bus los fährt, bevor alle Plätze besetzt sind. Aber dann stellen wir fest, das mit uns auch ein Hahn reist, der einfach vor den zwei leeren Sitzen steht und die Pause dazu nutzt sein Kikeriki zu üben. Und da dachte ich der Tag kann verrückter nicht mehr werden. Wenigstens bringt ein Hahn im Bus wohl kein Unglück. ;)

Zurück in Dili versuchen wir einen letzten Ausflug zum Berg Ramelau. Da es dorthin keine Busse gibt mieten wir uns ein Moped und treten die Fahrt an, die nur zwei Stunden hätte dauern sollen. Timo fährt jetzt Moped mit Schaltung, angeblich kommt man damit besser den Berg hoch. Was uns niemand gesagt hat war, dass die komplette Straße zwischen Dili und Maubisse gerade erneuert wird. Die Straße ist also
Blick auf Dili auf dem Weg nach Maubisse
aufgerissen, wir fahren quasi im Sand den Berg hoch. Was noch von der Straße übrig ist, ist löchriger, als der Weg nach Wae Rebo auf Flores. Nach einer halben Stunde sehen wir aus, als hätten wir an einem Motorcross-Rennen in der Wüste teilgenommen. Wo man nur hinsieht nichts als Steine und Sand. Interessant ist auf der Fahrt nur, dass die schweren Baugeräte von Chinesen bedient werden. Die Globalisiserung, sage ich da nur. Es wird immer später und langsam dunkel, wir fahren durch Maubisse durch. Und dann fängt es an zu regnen, wir können nichts mehr sehen und rutschen ein paar Mal fast aus mit dem Moped. Das ist der Moment zum Umdrehen. Frustriert fahren wir zurück nach Maubisse und suchen dort eine Unterkunft. Für ein bitterkaltes, zugiges Zimmer ohne fließend Wasser werden uns hier 30 Dollar abgeknüpft. Essen gibt es nicht. Ich habe gottseidank eine Fertigsuppe eingepackt. Auf den Berg werden wir es jetzt nicht mehr schaffen, da wir am übernächsten Tag schon abfliegen. Was ein Reinfall. 
Zwei Tage später lassen wir uns von einem klapprigen gelben Taxi, bei dem fast die Tür abfällt, zum Flughafen bringen. Es gibt hier nicht mal eine Anzeigetafel, das Bording wird ohne Mikro kaum hörbar angesagt. Auf dem Rollfeld fällt mir ein Plakat auf: "Willkommen in Timor Leste, im Land des Friedens und der Liebe". Ich muss unwillkürlich lächeln. Hinter den Werbeschildern am Zaun neben einem Burger King steht eine Gruppe Kinder, die jedes Mal in Jubel ausbrechen, wenn jemand zum Flugzeug geht und die staunend den Flugzeugen hinterherschauen. Sehnsüchtig? Ich denke an Grönemeyer und summe mit freudige Erwartung auf ein paar entspannte Tage auf Bali vor mich hin:
Wind Nord/Ost, Startbahn null-drei
Bis hier hör' ich die Motoren
Wie ein Pfeil zieht sie vorbei
Und es dröhnt in meinen Ohren
Und der nasse Asphalt bebt
Wie ein Schleier staubt der Regen
Bis sie abhebt und sie schwebt
Der Sonne entgegen...

Unterkunft Bacau: Tato-Tito Guesthouse, 30 Dollar
Unterkunft Osolata: 10 Dollar pP (Bambushütte) oder 30 Dollar/Zimmer im Bungalow
Unterkunft Com: Kathi Guest House, 15 Dollar
Unterkunft Maubisse: ?, gegenüber der Kirche, 30 Dollar, der Pfarrer ist Engländer!

Timor Leste 1: Zu Besuch in Revoluzzer-Land

Die Busfahrt von Kupang nach Dili beginnt mal wieder damit, dass wir um präzise 4:55 Uhr vorm Hotel auf den Bus warten, der (wie sollte es anders sein) 20 Minuten zu spät ist und uns auch erstmal nur zum Busunternehmen bringt, wo wir eine Stunde auf die Abfahrt warten. Drei Stunden später sitzen wir im Bus und die ersten Timoresen steigen zu: Ein irre lachender Opa setzt sich neben mich und unterhält, pardon "unterschreit" sich permanent mit der ebenfalls irre lachenden Oma hinter Timo. Beide reden in einer Mischung aus Bahasia und Portugiesisch (genannt Tetum) auch auf uns ein. Ich verstehe nichts. Einer unsere Sitze ist kaputt und wir rempeln die Frau hinter uns damit immer an. Die sieht das anfangs locker, aber mit den Stunden verstreicht auch ihre Geduld immer mehr. Und wir haben noch nichtmal die Hälfte der Busfahrt hinter uns...

Immerhin schlängelt sich der Bus fortwährend kurvige Bergstraßen hoch und runter. An einem steilen Berg bleibt der Bus plötzlich stehen. Der Motor quietscht und ächzt und ich fürchte schon, des Busses letztes Stündchen hat geschlagen. Aber er fährt. Langsam, aber er fährt. Insgesamt unendlich lange 12 Stunden dauert die Klapperfahrt von Kupang nach Dili, inklusive passieren des Grenzüberganges.

Gegen halb drei sind wir an der Grenze und überzeugen auch hier den diensthabenden Grenzbeamten davon, dass wir seit Ende Mai nicht mehr für ein Visum zahlen müssen und auch keinen "authorization letter" mehr brauchen. Ich glaube es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich sage "we are european citizens" ("wir sind europäische Staatsbürger"). Hinter dem Beamten hängt eine Karte der Europäischen Union und ein Kollege und er scheinen länger darüber zu diskutieren, ob Deutschland nun zur EU gehört oder nicht (wir schmunzeln) - ein Aufdruck auf dem Pass in Englisch wäre wirklich sinnvoll. Schließlich kommen sie zu dem Ergebnis, dass wir die Wahrheit sagen. Ja wir sind europäische Staatsbürger und heute freuen wir uns so richtig darüber. Macht ja alles immer noch ein bisschen mehr Spaß, wenn man dabei auch noch Geld spart. Kurz hinter der Grenze gibt es eine erneute Kontrolle von finster blickenden Militärpolizisten, die sich sehr interessiert unsere vielen Stempel im Pass anschauen. Und wir sind drin. Wir sind in Timor Leste! 

Auf dem Weg nach Dili begegnet uns kaum ein anderes Auto, allein drei LKWs zähle ich. Aus Gras geflochtene Girlanden und Herzen säumen den Straßenrand. Später werde ich erfahren, dass dies eine alte timoresische Tradition ist, um Gäste willkommen zu heißen. Die Straße führt durch viele Dörfer, in den meisten davon sieht man überwiegend einfache Basthütten, mit sehr niedrigen Eingängen und Schweine, Kühe, Ziegen zu hauf. Die Höfe sind sehr ordentlich und oft von vielen bunten Blumenkübeln gesäumt und an den Hütten hängen viele FC Barcelona Fahnen. Barca scheint hier beliebt zu sein. Fußballtechnisch hat das mit der Kolonialisierung wohl nicht so geklappt, Portugal. Timor Leste ist ein sehr junges Land - wir beobachten viele Kinder und Jugendliche, die sich am Straßenrand die Zeit vertreiben. Linker Hand erstreckt sich das glitzernde Meer und wir tuckern vorbei an süßen kleinen Essensständen, vorbei an Mangrovenhainen und vorbei an vielen kleinen Holz Kanus - solche die aussehen wie aus Robinson Crueso oder einem Dokumentarfilm. Die Mehrheit der Menschen scheint hier sehr einfach zu leben. 

Erst kurz vor der Landeshauptstadt Dili, weichen die Bambushütten mehr und mehr kleinen Steinhäuschen und Lädchen und es tümmeln sich deutlich mehr Leute und Fahrzeuge (hauptsächlich Busse und LKWs mit Menschen beladen) auf den Straßen. Am Stadtrand von Dili fällt uns eine Statue auf - ein Soldat mit Maschienengewehr - an der eine Timoresische Flagge hängt. Die Statue spielt wohl auf die 40 Jahre währenden, blutigen Freiheitskämpfe diesen kleinen Landes an. Offensichtlich ist man hier Stolz darauf sich die Unabhängigkeit erkämpft zu haben. Und zu recht. Aber im Stillen frage ich mich, ob das die vielen Menschenleben wert war. Timor Leste war lange portugiesische Kolonie. Im Zuge der Abnabelung von Portugal nach Ende des zweiten Weltkrieges ist Indonesien unter Sukarno in Timor Leste einmarschiert und hat das Land in Besitz genommen. Dies unter den Augen der ganzen Welt und mit Unterstützung aus den USA, Australien und leider auch Deutschlands - es ging darum (typisch für diese Zeit) angebliche Kommunisten in Timor Leste zu besiegen. Sogar der Papst hat Indonesien damals unterstützt! Erst seit 2002 ist die demokratische Republik Timor Leste offiziell unabhängig und erst 2012 sind die UN Truppen abgerückt.
Dili
Die Hauptstadt Dili ist eine schöne Hafenstadt, noch sehr herunter gekommen, aber längst nicht so wie ich mir das vorgestellt habe. Es gibt jede Menge Hotels und auch ATMs und unser Hostel hat sogar Wifi (jedenfalls theoretisch). An der Wasserkante liegt ein Park, der Freiheitspark, der mit jungen Pärchen und Gruppen von unbeschwert aussehenden Teenagern gefüllt ist. Ich sehe Smartphones und Laptops, auch die technische Entwicklung hat es bis hierher geschafft. Gibt es irgendwo auf der Welt noch einen Ort ohne Internet? Junge Männer verkaufen Bananen und Orangen, die an Fäden von einem Stock hängen, den sie sich über die Schulter gelegt haben - ein krasser Kontrast. Manche sprechen mich in der Landessprache Tetum an - die ich natürlich nicht spreche. Mit Portugiesisch und Bahasia soll man ganz gut durchkommen aber von beidem spreche ich leider nur Brocken. Angeblich spricht hier niemand Englisch, na das werden wir ja sehen. Die Auswahl im Supermarkt ist überraschend groß, leider ist alles relativ teuer. Der Supermarkt verkauft sogar Müsli - seit Bali haben wir keines mehr gesehen - und daneben noch einiges anderes was wir hier, am Ende der Welt, nicht erwartet hatten. Ich kaufe ein paar Kartoffeln - wir wollen im Hostel kochen - das erste Mal seit fast drei Monaten! Abends stelle ich dann fest, dass ich Süßkartoffeln gekauft habe (und ich dachte mir noch "die sehen aber komisch aus") - aber die kann man auch braten und am Ende schmecken sie gar nicht so schlecht. Wir nehmen uns einen Tag zum erholen und planen unsere restliche Reise durch um Flüge zu buchen. Will man Indonesien bereisen ohne ständig in den Flieger zu steigen, braucht man sehr viel mehr Zeit als wir haben. In Timor Leste gibt es allerdings keine Inlandsflüge. Ansonste  gibt es hier wirklich alles! Von wegen kein Internet, keine Hotels, keine Geldautomaten. Das war mal. Um die Ecke vom Hostal gibt es sogar einen grandiosen Thailänder, der uns an den Beginn unserer Reise erinnert.

Am nächsten Tag setzen wir dann zum Sightseeing an. Als erstes steht Arte Morris auf unserer Liste, eine kostenlose Kunstschule, in der man die Kunstwerke der Schüler kostenlos besichtigen kann. In einem so jungen Land mit einer so blutigen Vergangenheit finden wir das besonders spannend. Das Gelände gleicht eher einer Müllhalde, erst auf den zweiten Blick sieht man, dass die Schüler hier aus allem was sie finden konnten Kunst gemacht haben - Statuen aus Autoteilen, Figuren aus Autoreifen, aus Flaschen, aus Dosen - aus allem eben. In den Gebäuden, die etwas verlassen aussehen mit ihren eingeschlagenen Fenstern und dem Laub auf dem Fußboden, finden sich erstaunlich gute Gemälde und andere Kunstwerke - alles hervorragende  zeitgenössische Kunst. Die Not ist eben ein Katalysator der Kunst.

Dann widmen wir uns der Geschichte Timor Lestes und besuchen das brandneu aussehende Resistance Museum. Mit vielen Fotos, Berichten von Zeitzeugen und sogar Originalvideos von Massakern ist hier der jahrzehntelange blutige Freiheitskampf Timors dargestellt. Vor allem das Massaker von Santa Cruz aus dem Jahr 1991 schockiert mich.
Als Deutscher tendiert man ja dazu sich eher mit den Schandtaten des eigenen Volkes zu beschäftigen. Aber die Indonesier haben sich unter Sukarno wirklich nicht mit Ruhm bekleckert. 270 Menschen wurden an dem Tag brutal abgeschlachtet, darunter viele Kinder und Jugendliche - auf einem Friedhof während eines Gedenkgottesdienstes für einen Unabhänigkeitskämpfer, der von indonesischen Truppen getötet worden war. Weitere 270 wurden inhaftiert und sind seitdem verschwunden. Da dieses Verbrechen in Anwesenheit von internationalen Journalisten passierte und dabei auch ein junger australischer Student starb wird das Massaker heute als Wendepunkt im timoresischen Unabhängigkeitskampf gesehen. Aber es ist schon traurig, dass erst ein Ausländer sterben musste, bevor die Weltöffentlichkeit endlich mal einschritt. Die treibende Kraft der Unabhängigkeit, die Gruppierung Freitilin, war als kommunistsisch eingestuft worden und so wurde Indonesiesen von den USA und vielen vielen anderen westlichen Ländern lange unterstützt. 1985 hat eine deutsche Delegation die Insel besucht und festgestellt: "Die ganze Insel scheint verhaftet zu sein. Niemand lächelt.". Und trotzdem wurde nichts unternommen....mir läuft es eiskalt den Rücken herrunter.
Auf dem Weg zum nächsten Museum treffen wir dann auf eine Gruppe fröhlicher, neugieriger Bauarbeiter, die alle astreines Englisch sprechen, deutschen Fußball mögen und überhaupt sehr froh sind uns zu treffen. Von wegen die sprechen hier kein Englisch!


Wir besichtigen als nächstes eine Fotoausstellung in einem alten Gefängnis, ich find sowas ja immer super gruselig, wenn man weiß da sind reihenweise Leute umgekommen. An der Wand einer Zelle steht "Live or die with Indonesia". Das fasst die Einstellung Indonesiens wohl ganz gut zusammen. Die Ausstellung heißt "Chega" was soviel bedeutet wie "Genug, Stop". Die Dokumente und Fotos wurden von einer Gruppe zusammen getragen, die so objektiv wie möglich die Folgen der Besetzung untersucht. Sie zählt über 100.000 Tote, 19.000 ermordete und 85.000 verhungerte oder an Krankheiten gestorbene Timoresen. Die Foltermethoden waren extrem, manche wurden fünf Tage lang kopfüber aufgehängt. Brutal.
Nach all diesen Stories wollen wir natürlich auch einen Blick auf den Friedhof Santa Cruz werfen, auf dem das Massaker passiert ist. Der Friedhof ist völlig vollgestopft mit traditionell portugiesischen Kachelgräbern, man kommt kaum durch und zwängt sich an den unzähligen Grabsteinen vorbei. Teilweise sind in den Grabsteinen Löcher zu sehen. Viele Gräber datieren von dem Massaker. Grotesk. "Hier gestorben und begraben", hätte man drauf schreiben können. Wir wollten eigentlich das Grab eines
Unabhängigkeitskämpfers besuchen, mehr um zu sehen, ob sich da heute noch jemand drum kümmert, aber wir finden es nicht.


Christo Rei
Zum Abschluss des Tages lassen wir uns von einem Taxi zur Statue Christo Rei fahren - einer Jesus Statue auf einer Klippe am Meer, so ähnlich wie in Rio. Der Aufstieg besteht aus gefühlt einer Million Stufen, aber wir sehen die Sonne über dem recht weit entfernten Dili untergehen und das wars wert. Unten angekommen realisieren wir, dass wir das nicht durchdacht haben und wir hier nicht mehr weg kommen, so ganz ohne fahrbaren Untersatz. Und so springen wir kurzerhand mit auf einen Lastwagen voller nasser Kinder, die anscheinend im Meer baden waren. Für alle Beteiligten ist das Spaß pur, obwohl - oder gerade weil - in jeder Kurve und bei jedem Schlagloch fast alle vom Lastwagen fallen. Wir können uns kaum irgendwo festhalten, aber alle halten sich hier aneinander fest und so werden auch wir festgehalten. Ein großes Knäul aus Kindern, Jugendlichen und uns wackelt so auf dem Lastwagen hin und her. Die Kleinen kreischen und lachen laut und ausgelassen wie ich das in Deutschland noch selten gesehen habe. Auch kümmern sich die Teenies hier ganz selbstverständlich, um die Kleineren. Keine Spur zu sehen von den Unruhen, von jahrelangem Krieg und Unterdrückung.  Viele sind natürlich erst in Zeiten der Unabhängigkeit geboren worden. Aber es ist doch schön zu sehen, dass es der neuen Generation so gut geht. Der kleine acht Jahre alte Frankie ist uns besonders ans Herz gewachsen, mit seiner coolen Cappie und weil er sich traut sich mit uns zu unterhalten, allen Verständigungsschwierigkeiten zum trotz. Am Ende wird er von den Älteren ein bisschen aufgezogen, anscheinend weil er angeblich in mich "verliebt" ist. An einer Straßenkreuzung nahe der  Stadtmitte steigen wir ab und dürfen zum Abschied unseren neugewonnenen Freunden die Hand schütteln oder einklatschen bevor wir den Kindern Auf-Wiedersehen winken. Das war das fröhlichste Erlebnis seit langem!
Auf dem Lastwagen mit Frankie (rechts unten)

Unterkunft: Dili Backpackers


Indonesien 11 - Timor: Interlude Kupang

In Kupang fällt mir zum ersten Mal auf, dass wir in ganz Indonesien noch kein deutsches Auto gesehen haben. Der Markt ist hier fest in japanischer Hand - Honda, Toyota und Yamaha stellen Autos und Motorräder. Da hat die deutsche Autoindutrie wohl geschlafen. Ironischerweise erzählt uns der munter plauderne Besitzer unseres Hostels, der neue Präsident habe sich jetzt einen super teuren Mercedes bestellt, wofür er nicht gerade mit Sympathie belohnt wird. Der Präsident ist aber sowieso nicht mehr so beliebt, da die Inflation jetzt 6 % beträgt und deshalb ein Kilo Zwiebeln jetzt mit 40.000 Rupiah (fast 3 Euro), also das Doppelte kostet wie noch vor ein paar Monaten. Unser Hostel wird zwar grade irgendwie umgebaut (so sieht es zumindes aus) die Doppelzimmer mit Meerblick sind aber sehr schön. Nur leider kann man hier nicht schwimmen, denn es gibt Salzwasserkrokodile. Na toll, gerade den Komodo Waranen entkommen und jetzt das...
Blick aus unserem Zimmer

Kupang hat ein völlig irrsinniges Bemosystem, was uns fast an den Rande des Wahnsinns treibt. Bemos sind diese kleinen, halboffenen Minibusse, die hier den öffentlichen Busverkehr stemmen. Leider müssen wir auf die Bemos zurück greifen, um der Botschaft Timor Lestes den obligatorischen Visumsbesuch abzustatten. Die Bearbeitung soll überraschend schnell gehen - schon am nächsten Tag dürfen wir unser Authorisationsschreiben, was man an der Grenze vorlegen muss, abholen.
Bemofahrspaß in Kupang
Abends finde ich zufällig raus, dass Timor Leste seit Ende Mai als ehemalige portugiesische Kolonie dem Schengen Abkommen beigetreten ist und wir daher also kein Visum mehr brauchen. Diese Info drucke ich mir vorsichtshalber mal von einer offizielen Homepage Timor Lestes aus. Mit meinem Ausdruck fahre ich am nächsten Tag bei der Botschaft vor und kriege dann nach einiger Diskussion der Botschaftsangestellten, ob Deutschland Teil der Europöischen Union ist oder nicht, die mündliche Bestätigung das ein Visum nicht mehr nötig ist. Das Authorisationsschreiben nehmen wir besser trotzdem mit. Der diensthabende Angestellte kopiert unter meinem Grinsen meinen Ausdruck und auch ein holländischer Tourist der das Gespräch zufällig mitkriegt bekommt einen Ausdruck, nachdem er dem Angestellten mit den Worten "welcome to Schengen" die Hand geschüttelt hat. Die europäische Hymne summend schwingen wir auf unser Moped und fahren freudig weg - da hat uns die EU mal eben 70 Dollar gespart.

Den Rest des Tages verbringen wir damit eine Wechselstube zu finden für den Fall dass wir doch an der Grenze bezahlen müssen. Nachdem wir ungefähr alle Himmelsrichtungen abgesucht haben finden wir eine in der hintersten Ecke eines Mobiltelefonladens - und die Stube nimmt nicht mal Kommission. Es stimmt also nicht, dass man in Indonesien nicht günstig Dollar tauschen könnte. Zur Krönung des Tages brennt Timo auch noch das Moped durch und er fährt in einen Graben, aber weder Timo noch dem Moped ist groß was passiert, wir sind nur beide etwas geschockt. Später bleibt noch Timos Kreditkarte im Geldautomaten stecken...das ist schon die dritte Kreditkarte die wir im Laufe der Reise einbüßen (eine haben wir wieder gekriegt). Von Kupang haben wir jetzt nichts gesehen, aber da gibt es auch nichts zu sehen, es ist eben nur ein Verkehrsknotenpunkt, das sehenswerteste ist noch das Lavalon Hostel. Und natürlich der Fischmarkt (aber nicht, wenn man wie ich keinen Fisch ist). Und wir haben jetzt Lust auf was Neues, sprich ein neues Land, und sind gespannt auf Timor Leste - stimmt es was wir gelesen haben? Keine Hotels, keine Geldautomaten, kein Internet? Werden wir einen Guide brauchen? Auf nach Dili!

Nachtmarkt in der Nähe vom Lavalon Hostel
Lecker Meeresfrüchte 
















Unterkunft: 
Lavalon Hostel

Sonntag, 31. Januar 2016

Indonesien 10 - Flores: Aller guten Dinge sind drei

Von Ruteng aus fahren wir mit dem Bus weiter Richtung Ende. Da wir wenig Lust haben 14 Stunden auf kurvigen Bergstraßen in einem Minibus zu sitzen, sind wir quasi gezwungen in Bajawa einen Zwischenstopp einzulegen. Bajawa ist ein Kaff, hier gibt es nix. Umso überraschter sind wir, als wir auf dem Weg zum Supermarkt einen kleinen jungen im BVB-Trikot sehen - Timo ist außer sich! Der Kleine wundert sich ordentlich über unsere Begeisterung und wir können kaum kommunizieren, dass Timo Dortmunder ist. Aber ich habe schnell noch ein Foto geschossen.

Wir sind in Bajawa ja nur auf der Durchreise, normalerweise bleibt man hier ein paar Tage, um in den umliegenden Bergen zu wandern und sich Dörfer von Einheimischen anzuschauen. Neugierig wie wir sind beschließen wir trotz der katastrophalen kulinarischen Zustände - das Frühstück hat ein neues Tief erreicht, denn hier gibt es nichtmal Toast - doch noch eine Nacht zu bleiben. Und so mieten wir am nächsten Morgen unser neues Lieblingsgefährt, das Honda Moped, und machen uns auf die Gegend zu erkunden. Wir verbringen einen ganzen Tag im Gebiet der Ngada, fahren von Dorf zu Dorf. Aber so schön wie Wae Rebo ist keines. Wir schauen uns die Dörfer Bena, Luba und Gurusiri an, voller traditioneller Hütten, über Webstühlen hockenden Alten und schüchternen Kindern. Runzlige Alte, mit vom Betelnuss-kauen roten, zahnlosen Mündern, lächeln uns zur Begrüßung an und wir beobachten staunend, wie sie so nebenbei beim Kaffeklatsch mit der Hand tolle Stoffe mit komplizierten Mustern weben. Die Muster sind voll boheme Indie - total hipster.
Die Bewohner von Luba
Da sieht man mal wieder - in der Mode kommt alles wieder. In Dorf Nummer 2 tönt als wir ankommen aus einem kleinen Radio eine indonesische Version von "All about that bass" - so haargenau kopiert, dass ich mitsingen kann. Die Globalisierung hat schon ihre witzigen Seiten! Von der Straße aus haben wir spektakuläre Blicke auf Gunung Inerie, ein Vulkan der dafür bekannt ist einen exakt gleichschenkliges Dreieck als Schatten zu werfen. Der Schatten sieht tatsächlich aus, als hätte Gott ihn mit dem Lineal gezeichnet, so als ob dort kein natürlicher Berg, sondern eine Pyramide stünde. Im letzten Dorf platzen wir in eine Hochzeit und werden als die exotischen Gäste fürstlich empfangen und bewirtet. Das ganze Dorf ist in Aufruhr, weil wir da sind, ich habe fast schon ein schlechtes Gewissen der Braut die Schau zu stehlen, darum bleiben wir auch nicht lange.
Bena
Am nächsten Morgen werden wir mal wieder von einer Moschee jäh aus dem Schlaf gerissen. Schon komisch, eigentlich soll Flores doch katholisch sein, ich hab aber das Gefühl auf Flores gibt es mehr Moscheen als sonst irgendwo wo wir waren. Eine halsbrecherische Busfahrt mit einer Ziege auf dem Busdach bringt uns schließlich nach Ende. 
 
Wir reisen mittlerweile mit einer kleinen Bananenstaude, weil wir wieder mal keine einzelne Banane kaufen konnten. Von Ende aus müssen wir noch nach Moni und freuen uns schon als das Umsteigen mit dem Bus reibungslos klappt. Allerdings geraten wir dann in einen Stau -- zu früh gefreut. Die Straße wurde gesperrt und wir sitzen stundenlang in der Hitze in dem Bus, aber draußen rumlaufen bringt irgendwie auch nix. Wir verschenken die Bananenstaude an Kinder, die uns unbekannte Snacks verkaufen. Kurz drauf versuchen uns die selben Kinder eine Banane zu verkaufen...netter Versuch. In all den Stunden in der drückenden Hitze höre ich keinen Indonesier meckern, alle scheinen gutgelaunt zu sein. Der Finne der mit uns schon seit Bajawa im Bus sitzt sagt, die Menschen denken hier anders über Zeit, keiner trägt eine Uhr. Wie kann man denn anders über Zeit nachdenken, frage ich mich? Nicht als etwas messbares, wertvolles? Vielleicht nimmt das ja den Stress aus allem raus. Ich versuche es gleich mal und sage mir Zeit ist egal, aber ich bin trotzdem genervt. Naja man kann eben nicht aus seiner Haut. ;)
Endlich in Moni angekommen haben wir die beste Unterkunft aller Zeiten - neu renoviert, ein superbequemes Bett und Totenstille. Dazu sind die Besitzer wahnsinnig nette Leute. Der Vater der Familie erzählt, dass er selbst diese drei Hütten gebaut hat, um für die Schule seiner Tochter zu bezahlen. Mehrfach sagt er, er sei dumm, weil er ja nicht zur Schule gegangen ist. Wir widersprechen ihm jedesmal und er strahlt auf dem ganzen Gesicht, als wir ihm immer wieder erzählen, wie toll er seine Hütten gebaut hat und dass das doch auch nicht jeder kann. Tatsächlich sind die Hütten mit einem Standard ausgestattet, den wir so auf unserer Reise selten zu sehen bekommen haben. Der Besitzer freut sich noch mehr, als wir ihm erzählen, dass seine Hütten bereits auf Travelwiki als beste Unterkunft in Moni beschrieben werden. Er kann es gar nicht fassen, dass seine Hütten jetzt schon im Internet erwähnt werden und rennt gleich weg, um das seiner Frau zu erzählen. Die Frau kocht im Restaurant wirklich leckeres Essen. Das ist ein echtes Familienunternehmen.
Nach einer wunderbar ruhigen -- aber leider viel zu kurzen -- Nacht in einem für indonesische Verhältnisse ungewöhnlich kuschelig weichen Bett geht es mal wieder 4 Uhr früh los, um den Sonnenaufgang vom  Vulkan Kelimutu zu sehen. Der Vulkan ist für seine drei Kraterseen bekannt, die in verschiedenen Farben leuchten -- schwarz, rot, türkis -- und bis heute weiß keiner warum. Dazu kommt, dass die Seen über die Jahre die Farben auch noch wechseln -- auch das kann bisher nicht wissenschaftlich erklärt werden. Das feuert die Legenden um die Seen natürlich immer weiter an. Angeblich ist jeder See Heimat einer anderer Gruppe Toter - es gibt einen See für Alte, einen für Junge und einen für böse Geister. Der Aufstieg ist diesmal recht bequem, wir haben uns für den ganzen Tag einen Fahrer und einen Guide gemietet (der Guide ist der Sohn unseres Hotelbesitzers) und wir müssen nur 20 Minuten zum Krater hochsteigen und nur die Hälfte Eintritt bezahlen. Dann heißt es warten. Mit jeder Minute frage ich mich mehr, warum wir eigentlich unbedingt so früh los mussten wie wir so im Dunkeln vor uns hin frieren und billigen Tee aus Plastikbechern trinken. Irgendwann leiht unser Guide für uns zwei traditionell indonesische Riesentunnelschals ("Ikat") aus und wir fühlen uns prompt wie Einheimische, wie wir da so stehen, von Kopf bis Fuß wie die Raupen eingewickelt in bunte indonesische Wollmuster. Als die Sonne endlich aufgeht überwiegt die Erleichterung weit mehr als die Begeisterung, auch wenn es wirklich schön ist zu sehen, wie die Sonnenstrahlen nach und nach die einzelnen Kraterseen beleuchten. Um alle drei voll leuchten zu sehen hätte man aber später kommen müssen. Jetzt noch 2 Stunden in der Kälte warten ist aber keine Option. Na beim nächsten Mal sind wir schlauer. Gemeinsam mit unserem netten Fahrer besichtigen wir an dem Tag noch heiße Quellen (= ein Schlammloch mit warmem Wasser, im Nachhinein frag ich mich wirklich warum wir uns da rein gesetzt haben), einen Wasserfall (mit viel Müll) und ein weiteres traditionelles Dorf, in dem sehr zu unserer Erheiterung ein paar Holzbrüste (!) an jedem "Frauenhaus", der Unterkunft für die Frauen, angebracht sind. Hier werden wir auch mal wieder von den Geistern begrüßt, dabei komme ich mir allerdings diesmal ziemlich albern vor und denke so bei mir "na die Geister wollen eben auch bisschen Kohle", denn ein Geschenk muss man natürlich auch abgeben. Später erzählt der Dorfälteste, dass er in Bratislava studiert hat und auch schon in Deutschland war...unfassbar. Dann fahren wir zurück nach Ende, wo wir am Tag drauf von dem klitzekleinen Flughafen -- noch kleiner als der in Bima -- den Flieger Richtung Timor nehmen.
Zwei Kraterseen des Kelimutu

Hotel Bajawa: Happy Happy Hotel
Hotel Moni: Angi Lodge

Freitag, 13. November 2015

Indonesien 9 - Flores: Eine kleine Zeitreise

Nach unserem Ausflug in den Komodo National Park beschließen wir, dass wir das Unesco geschütze Dorf Wae Rebo in den Bergen von Flores besuchen wollen. Dazu müssen wir erstmal nach Ruteng fahren. Im Bus dorthin laufen die Scorpions mit "Wind of Change" und wir lachen uns heimlich tot. Dieser Moment hat wirklich Magie! 

Take me to the magic of the moment 
on a glory night
where the children of tomorrow dream away
in the wind of change.

Die Musik schaltet zu Abbas "Dancing Queen" um, gerade als wir an ein paar Jungs vorbei fahren, die sich mit kleinen Kübeln duschen. Auf den Wahlplakaten am Straßenrand wirbt der mit ausgeprägtem Schnurrbart ausgestattete lokale Politiker "Yosef"  für seinen Wahlkreis. Hier - mitten im  nichts - ist ein Canon-Laden. Mittlerweile läuft im Radio amerikanische Countrymusik. Verrückte Welt!
Wenig später sitzen wir mal wieder auf einem Moped, diesmal in Richtung Wae Rebo. Von Ruteng ist das knapp 50 Kilometer entfernt, man sagt uns die Fahrt dauere mindestens 3 Stunden und ich - in meiner westlichen Naivität - kann das einfach nicht glauben. Das muss doch schneller gehen! Wir fahren durch wunderschöne, riesengroße Täler voller Reisplantagen und kleiner Dörfer. Heerscharen von am Straßenrand spielenden Kindern jubeln und winken uns zu oder stehen Spalier um im Vorbeifahren in unsere Hände einzuschlagen. Jeder Bauer, jede Wäscherin, jedes Mädchen und jeder Junge begrüßen uns, viele rennen hinter unserem Moped her. Manche Frauen schreien grell lachend auf und schlagen sich auf die Schenkel, nach dem Motto "Meine Güte ist das verrückt, zwei Ausländer auf einem Moped, hier bei uns". Und so fahren wir freudig durch die die traumhafte Landschaft aus nebligen Bergen, sonnenbeschienenen Dörfern und auf dem Feld arbeitenden Bauern.
Die Straße ist dafür weniger traumhaft, mehr Loch als Straße. Slalomfahren ist eine Untertreibung sonder gleichen für das was wir hier machen. Für die Fahrt müsste Timo danach einen extra Straßenlochumfahr-Führerschein ausgehändigt bekommen, denn das ist eine echte Prüfung seiner Mopedfahrfähigkeiten. Dreieinhalb Stunden später sind wir immer noch nicht in Dengge, dem Dorf von dem aus wir nach Wae Rebo wandern wollen. Denn nach Wae Rebo  führt keine Straße, sondern nur ein schmaler, etwa 8 Kilometer langer Weg bergauf durch einen dichten Wald. Zu spät kommen wir aber in Dengge an - die Zeit wird nicht mehr reichen um vor Einbruch der Dunkelheit im Dorf zu sein und im Dunkeln wollen wir ungern alleine in diesem fast unbewohnten Wald herumstiefeln. Wir entschließen uns daher in der Wae Rebo Lodge im Weiler Dintor kurz vor Denge zu übernachten. Süße Bungalows thronen am Anfang eines Hanges, von dem man über friedliche, sattgrüne Reisfelder schaut. Der Blick von der Terrasse reicht bis zum Meer und sogar bis zu den Bergen auf der nächsten Insel. Es ist hier unendlich friedlich. Die Zimmer sind zwar sehr sehr einfach (Plumpsklo, keine Dusche, nur abends ein paar Stunden Strom) aber sauber und wir fühlen uns hier wohl. Entspannt beobachten wir von unserem Sitzplatz vor dem Bungalow aus einen Hahnenkampf im Hof nebenan und  gehen friedlich schlafen.


Am nächsten Morgen um fünf Uhr in der Wae Rebo Lodge:
"Timo?" - "Ja."
"Kannst du mal bitte die Tiere ausschalten?"
Dutzende Hähne, hunderte Grillen, mehrere Vögel, ein paar Kühe, einige Schweine und das Geräusch eines uns unbekannten Tieres (vielleicht ein Gecko??) erlauben es uns nicht, weiter zu schlafen. Aufstehen lohnt sich auch nicht, denn draußen ist es noch dunkel und es gibt hier ja keinen Strom. Im Dunkeln Duschen ist auch doof. Ginge aber auch eh nicht, es gibt ja keine Dusche. Also bleiben wir liegen und bereiten uns auf unsere nächste Harikiri Aktion vor: Da wir es am Vortag nicht mehr bis nach Wae Rebo geschafft haben, wir aber in einigen Tagen einen Flug von Ende am anderen Ende (Haha) der Insel haben, müssen wir heute erst in einem Affenzahn 8 Km den Berg hoch laufen (unsere Zeit: 2:15 h), uns schnell oben umschauen, den Berg wieder runter rennen (2 Stunden) und dann zurück nach Ruteng fahren, bevor es um 18 Uhr dunkel wird. Eine Übernachtung in Wae Rebo kommt für uns daher anders als geplant leider nicht mehr in Frage. Aber wer konnte schon ahnen, dass man tatsächlich 4 Stunden für 50 Kilometer brauchen kann? 
Der Berg ist extrem steil und etwa die ersten 3 Kilometer bestehen aus groben Steinen, die das laufen nicht eben erleichtern. Sobald wir im Wald sind ist es, als wären wir durch die geheime Tür nach Narnia gelangt. Der kleine Waldweg zum Dort ist dicht gesäumt von unbekannten Bäumen und riesigen Bambussträuchern. Über uns in den Baumwipfeln tümmeln sich zahlreiche Vögel, Affen und andere Tiere - wir hören sie nur, zu sehen bekommen wir keines. Ein lustiger Vogel macht immer wieder dieselben Computergeräusche. Es würde uns nicht wundern, wenn wir um die Ecke kämen und plötzlich ein alter Desktop-PC mit Lautsprechern mitten auf dem Weg stünde. Am Wegesrand sehen wir immer wieder größere Haufen von etwas das aussieht wie meterdicke Bündel ewiglanger, dunkler Tierhaare und wir fragen uns, was für Tiere hier in den Bäumen rumspringen, die solche langen Haare haben. Ab sofort schauen wir uns etwas wachsamer um. Und plötzlich teilen sich die Baumwipfel und der Blick auf Wae Rebo ist frei gegeben: Zylindrige Hütten erheben sich auf einer kleinen Lichtung aus dem Nebel, umgeben von nichts außer Wald und Bergen. Der Anblick ist fremd und wunderschön.
Im Dorf angekommen nehmen wir zuerst an der Begrüßungszeremonie teil. Die Bewohner des traditionellen Ngada Dorfes glauben, dass auch ihre Vorfahren immer noch mit ihnen im Dorf wohnen. Die christliche Missionierung hat sich da scheinbar nur in Vornamen niedergeschlagen - die Wae Reboer haben ausnahmslos   christliche Vornamen wie Maria, Benjamin und Josef. Um sie durch unsere Anwesenheit nicht zu verärgern, geben wir, wie uns das aufgetragen wurde, der Frau vom "Häuptling" (dem Dorfältesten), die ich insgeheim Gutemine nenne, die aber eigentlich Katharina heißt, etwas Geld für die Geister. Sie stellt uns den Geistern vor und erläutert was die Besucher - also wir - im Dorf so vorhaben. Offensichtlich haben wir vor, was alle hier machen, denn sie trifft mit ihrer Ankündigung den Nagel auf den Kopf:  Wir wollen Kaffee trinken, essen, rumlaufen und fotografieren. Anschließend bittet sie die Geister darum, sich durch uns nicht stören zu lassen. Na das ist zweifellos in unserem Interesse. Wir nicken wiederholt freundlich und ich fühle mich ein bisschen wie betäubt. Irgendwie ein irres Gefühl in dieser Hütte zu sitzen, in der eine alte runzlige Frau todernst mit den Geistern spricht, als wär da absolut nichts dabei. Wir sprechen nur leise um die Geister nicht zu ärgern und bewegen uns vorsichtig durchs Dorf. Die runden, spitzen Hütten, die ohne einen Nagel zusammen gehalten werden und nur aus Bambus und Palmblättern bestehen, sehen aus wie aus einem Dokumentarfilm.
Die Bündel von "Haaren", über die wir uns auf dem Weg hoch gewundert haben, sind die Palmblätter, die für die Dächer benutzt werden.  Ich bin ein bisschen erleichtert, dass es hier nicht so viele Tiere mit derart langen Haaren gibt, auch wenn ich mir wirklich nicht erklären kann, wie aus Blättern solche haarartigen langen Fäden werden. In der Wohnhütte für Besucher sind innen entlang des Daches Bastmatten ausgelegt. Auf diesen schläft man, wenn man hier übernachtet. Erschöpft lassen wir uns auf die Matten sinken und es wird uns selbst hergestellter Kaffee angeboten. Aber die Bastmatten sind überraschend bequem und Timo schläft sofort ein. In der Zwischenzeit lerne ich eine supernette Singapurianische Familie kennen, die ausweislich der Berichte des Vaters ungefähr alles an der einen Nacht in Wae Rebo - die Ruhe, das Duschwasser, den Kaffee -  "quite something" fanden, wie uns der indischstämmige Vater begeistert erklärt. Wie den Geistern angekündigt schießen wir jede Menge Fotos und machen ein paar kurze Videos.
Das die meisten Menschen, die hier rumsitzen, nicht wirklich in diesem Dorf wohnen, sondern frühmorgens den weiten Weg auf den Berg steigen stört uns nicht. Die alten Frauen mit den runzligen, zahnlosen und vom Betelnuss kauen roten Mündern wohnen ganz offensichtlich noch hier. Sie sind nicht so begeistert über die Touristen, auch das ist offensichtlich. Sie gehen einfach Ihren Tagesgeschäften nach, trocknen auf ausgebreiteten Tüchern Kaffee  in der Sonne oder waschen Wäsche. Die Kinder spielen Fangen, ein Junge heißt "Selfie" was mich sehr amüsiert. Ich kann nicht umhin zu denken, dass diese Kinder wohl eine glücklichere, ungestörtere Kindheit haben als viele westliche Kinder heutzutage. Aber zu Hause würde man sagen: "Aber sie haben doch keine Möglichkeiten dort, keine Schule, keine Perspektive". Aber wofür braucht man Perspektive wenn man schon glücklich ist? Vermutlich nur deshalb weil die Modernisierung nirgendwo halt machen wird - auch nicht vor Wae Rebo, UNESCO hin oder her - und diese Ruhe nicht für die Ewigkeit bestimmt ist, vermutlich nur deshalb müssen auch diese Kinder die Bildung, die wir kennen, erhalten. Wohl deshalb gehen auch sie unten im Dorf in die Schule.
 Auf dem Weg runter nach Dengge ist auf dem Berg ganz schön viel Verkehr. Kleine Jungs mit Schulrucksäcken auf dem Rücken oder Säcken Reis auf dem Kopf strömen in Scharen in schnellen Schrittes den Berg hoch. Die Kinder sind fit! Hier hat keiner Gewichtsprobleme. Die Mädchen tragen an den Füßen zusammen gebundene lebende Hühner Kopf über den Berg hoch, manche Jungs tragen Messer, die fast größer sind als sie selbst - weiß Gott wozu. Die Kinder freuen sich uns zu sehen und so gehen wir beschwingt mal durch Nebel mal im Sonnenschein durch den Wald den Weg herunter. 
Auf der Fahrt zurück nach Ruteng müssen wir uns beeilen. Wir fahren so schnell wir können (oft sind das nur 15 km/h) den Berg hinauf, durch die Dörfer voller Volleyball spielender Frauen, Fußball spielender Jungs, vorbei an Feldarbeit und spielenden Kindern, durch die Reisfelder und vorbei an Wasserbüffeln, Hunden und Katzen und unzähligen Hühnern. Genau mit Einbruch der Dunkelheit kommen wir mit schmerzenden Rücken und Ärschen endlich in Ruteng an. Was für ein Trip! Es war anstrengend - aber eines unserer besten Erlebnisse auf unserer Reise bisher!! 

Unterkunft: Kongreasi Santa Maria
Moped Verleih: Hotel Rumi
Route: Ruteng - Iteng (ausgeschildert) - Dintor (Wae Rebo Lodge) - Denge (Homestay Mr. Blasius) - Zu Fuß nach Wae Rebo (ausgeschildert) mindestens 2,5 h ein Weg (8 Km)

http://wikitravel.org/de/Wae_Rebo#Anreise